Am Ende der Welt

Am Sonntag steht einer der spannendsten Ausflüge unserer Reise an: Der nach Narva-Jõesuu, das ist ein kleiner Kurort in Nordosten Estlands. Bevor wir dort ankommen, legen wir aber noch einen kleinen Zwischenstopp am Valaste Juga – mit 30 Metern Estlands höchstem Wasserfall – ein. Der Valaste Juga fließt über den Baltischen Klint, einer beeindruckenden Kalkstein-Steilküste. Auch wenn der Wasserfall nach deutschen Standards vielleicht eher als Wasserfällchen zu bezeichnen wäre – es rieselt nur wenig Wasser aus der Wand – ist die tiefe, runde Kalksteinabbruchkante mit ihren vielen verschiedenen Farben sehr interessant anzusehen.

Eine Wendeltreffe führt hinab zur Ostsee, ein bisschen wie ein Aussichtsturm bei dem man oben anfängt und nach unten läuft. Unten angekommen wartet ein Strand auf uns, an dem wir eine Weile den Blick über den Finnischen Meerbusen streifen lassen können. Steffi findet sofort ein paar handtellergroße Fossilien, einige der Ältesten die man so finden kann. Nach einem sportlichen Aufstieg zurück zum Parkplatz geht es weiter nach Narva-Jõesuu.

Narva-Jõesuu bedeutet übersetzt nicht viel mehr als “Mündung der Narva”, wobei die Narva der Name des estnisch-russischen Grenzflusses ist. Viel Trubel ist hier nicht. Wir sind in ein kleines Sommerhaus eingeladen, das einem Freund von Krista gehört.

Während für die Damen direkt nach der Ankunft ein Besuch der lokalen Sauna vorgesehen ist, stapfen die Herren, geführt von zwei Mitgliedern von Kristas Wandergruppe, durch Narva-Jõesuu. Wir setzen uns mit unserem Mittagessen an den Strand der Narva und schauen ans gegenüberliegende Ufer. In der Narva schippert ein kleines Grenzbötchen mit den Farben der Russischen Föderation. Irgendwo im Fluss verläuft also die Grenze. Wo genau sie verläuft, weiß niemand so genau, Russland hat viele Grenzbojen schon vor 2 Jahren entfernt. Auf einem Handy erscheint die Aufforderung, Kartenmaterial für die Oblast Leningrad herunterzuladen, um den Grenzverlauf anzeigen zu können. Wer hier am Strand ins Wasser steigt, schwimmt nicht weit hinaus, und auch die passierenden Kleinboote halten sich merklich in der Nähe des estnischen Ufers. Was würde wohl passieren, wenn man versehentlich etwas zu weit hinüber schwimmt? “Dann bleibt man vielleicht 10 Jahre drüben” mutmaßt einer unserer Stadtführer, so richtig weiß es keiner, und niemand hat Lust es herauszufinden.

Hier ist also für uns derzeit das Ende der Welt, das östliche Ende der Reisefreiheit ohne Visum. Der Grenzübergang Narva-Iwangorod, dessen lange Wartezeiten derzeit öfter im Deutschlandfunk thematisiert werden, ist gerade einmal 15km von hier entfernt. Unser Stadtführer erklärt uns noch, dass die russische Küste auf die wir schauen in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg sogar zu Estland gehört hatte. Dies war in den Friedensverträgen von Tartu aus dem Jahr 1920 geregelt. Nach dem zweiten Weltkrieg verlor Estland aber wieder Gebiete, seither verläuft die Grenze also hier.

Die Herrengruppe macht jetzt noch einen Spaziergang auf die neueröffnete Mole, bevor wir uns mit den Damen wieder am Sommerhaus treffen.

Zusammen besteigen wir noch einen alten Leuchtturm, von dem man bei klarem Wetter angeblich fast bis St. Petersburg sehen kann. Ganz bis dorthin reicht die Sicht zwar nicht, was wir aber sogar ohne Fernglas sehen können, ist der russische Öl-Exporthafen Ust-Luga, der im März mehrfach von ukrainischen Drohnen angegriffen wurde, um die Ölexporte Russlands zu behindern. Aus Narva-Jõesuu soll man damals den Rauch gesehen haben.

Nun beginnt für die Herren eine besondere Erfahrung, die die Damen schon am frühen Nachmittag erleben durften: Die lokale Sauna. Wir waren vorher schon an einem etwas heruntergekommenen Gebäude vorbei gekommen. Nichts, wirklich gar nichts deutet darauf hin, dass es es sich hierbei um eine Sauna handeln könnte. Nur ein A4-Zettel mit kyrillischer Schrift an der Tür verrät die Art des Etablissements und die Öffnungszeiten. Der Eintritt kostet 12€ pro Nase, die Kassiererin spricht allerdings nur russisch. Kein Estnisch, kein Englisch. “Biljet” und “Spasiba” kriegen wir gerade noch so hin. Ein nackter Mann, der plötzlich durch die Kasse turnt und sich einen Tee einschenkt lässt sich aber nicht so leicht abspeisen. Er hat offenbar große Lust, sich mit uns zu unterhalten, aber weder wir noch unsere estnischsprachige Begleitung verstehen ein Wort.

Wir betreten eine andere Welt. Zwei Duschen gibt es hier zwar, ca. ein Dutzend älterer und jüngerer Männer sitzen aber jeder auf seiner Bank. Jeder hat einen Bottich mit Waschwasser vor sich, und seift sich hier ein. Wir betreten die Sauna und uns trifft der Schlag. Obwohl das kleine Fenster auf Kipp steht, ist es hier wahnsinning heiß. Ein Thermometer gibt es nicht. Der Saunierraum sieht aus wie ein Heizungskeller, dicke Rohre führen hindurch und vor uns steht ein Würfel von 1,50 Meter Kantenlänge, der mit heißen Saunasteinen gefüllt ist und uns Hitze entgegenstrahlt. Auf den dreistöckigen Bänken sitzen Herren, die sich auf Russisch unterhalten. Die Meisten von Ihnen haben Saunahüte aus Filz auf, die mit verschiedenen Motiven bestickt sind. Wir sehen ein Kleeblatt, eine Art Schneewittchen und einen roten Stern. Es klatscht ununuterbrochen, weil sich fast immer jemand mit einem Bündel Eichen- oder Birkenzweigen selbst auspeitscht. Dass wir mit unserer Begleitung Englisch reden weckt das Interesse der Saunasitzer. Unsere Stadtführer erklären unseren neugierigen Sitznachbarn, dass wir aus Deutschland kommen. Das weckt noch mehr Interesse, einige der Herren bemühen sich sogar um ein Gespräch auf Englisch. Die Stimmung ist gut und freundschaftlich. Obwohl wir nichts verstehen merkt man, dass sich die Leute hier kennen. So erklärt es sich auch, dass das lokale Spa – das auch eine Sauna hat, aber dazu auch noch Schwimmbecken und Pools – zwar auch 12€ Eintritt verlangt, die Leute aber stattdessen hier her kommen. Die Stimmung ist einfach gut.

Ein Kräftiger mit Saunahut aus Leder schüttet noch mal heißes Wasser auf die drei Schüttmeter Saunastein neben uns und es wedelt plötzlich von allen Seiten mit dem Handtuch. Für die Meisten von uns ist es der dritte oder vierte Saunagang, und wir geben auf. Draußen seifen sich zwei ältere Herren mit Bottich gegenseitig den Rücken ein. Wir nehmen noch ein letztes, frisches Bad in der Narva, geben Acht, dem Grenzboot nicht zu nahe zu kommen, und machen uns wieder auf den Weg.

Wieder am Sommerhaus angelangt, erwartet uns noch ein gemütlicher Grillabend mit allen lieben Stadtführern, Kristas Freunden und uns zusammen. Es wird viel gequatscht, und das auf verschiedenen Sprachen, da manche von Kristas Freunden auch Deutsch können. Natürlich darf dabei ein Gruppenfoto mit der Ostsee im Hintergrund nicht fehlen:

Für den Rückweg hat sich Krista noch eine besondere Station überlegt. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommen wir in der Stadt Sillamäe an. Hier wurde zu Sowjetzeiten Nuklearforschung betrieben, über 100 000 Tonnen Uran wurden hier produziert. Die Stadt war abgeriegelt und wurde vom Militär betrieben. Sillamäe war seinerzeit auf keiner Landkarte zu finden. Auch postalische Adressen gab es nicht im eigentlichen Sinne. Briefe an die Bewohner wurden an kodierte Adressen wie “Moskau 400” oder “Leningrad 1” geschickt. Wer kürzlich den Film “Oppenheimer” geschaut hat, den mag diese Beschreibung an Los Alamos erinnern, nur eben in Estland und nicht in New Mexico. Nach dem Fall der Sowjetunion war Sillamäe zum ersten Mal für die Esten begehbar.

Aus architektonischer Sicht ist die Altstadt bemerkenswert, ein exzellentes Beispiel sowjetischer Planarchitektur. Die Symmetrie, die schicken Blümchen und die hohen Treppen in der Sichtachse der Altstadt, das alles mutet fast Barock an.

Nach einem wirklich langen und erlebnisreichen Tag mit Wasserfall, Kalkstein-Steilküste, Finnischem Meerbusen und einem Ausflug nach Narva-Jõesuu, einer besonderen Sauna und einem besonderen Flussbad, einem Leuchtturm mit Ausblick nach Russland, gegrillten Würstchen und einer geheimen, sowjetischen Planstadt, sind wir nun auch wirklich erst mal bereit für den Schlafsack um das alles zu verdauen. Vielen Dank an Krista und unsere tollen Stadt- und Saunaführer. Gute Nacht und bis bald!

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