Bei Regen oder Sonnenschein

Obwohl Mittwoch, der 20. August, in Estland ein Feiertag ist (dazu später mehr), nutzen wir den regenfreien Vormittag, um auf unseren Baustellen voranzukommen. Auf der Klobaustelle stellt Tobias das Fundament fertig und bereitet das Grundgerüst des Häuschens zum Aufstellen vor.

Tobias sägt ein Brett für das Klohäuschen zurecht. Im Hintergrund das bereits fertige Fundament
Auf dem Fundament das Klohäuschens liegen die Seitenteile bereit. Diese bilden später das Grundgerüst der Konstruktion

Im Haupthaus ist Klaas ebenfalls mit der Ausbesserung von Fundamenten beschäftigt, hier allerdings zur Stabiliserung einer Wand, die abzusacken drohte. Das Ganze geht flugs von der Hand und weil er sowieso schon im Haupthaus zugange ist, repariert er kurzerhand auch noch eine Dachplatte, die sich letzen Winter bei einem Sturm gelöst hatte.

Klaas mauert im Haupthaus ein Punktfundament unter eine Zwischenwand

Um das Haupthaus herum wird es heute sehr laut. Einige Maschinen, die wir uns geliehen haben, sollen morgen mit dem Hänger zurück nach Deutschland gefahren werden und wir wollen sie nochmal gut nutzen. Daher fällt Lola mit der Motorsäge noch einige Thujen. Damit die eng verwachsenen Bäume auch richtig fallen, spielen wir Tauziehen mit dem Baum und gewinnen.

Wir ziehen mit vielen Leuten an einem Seil, das an einer Thuja befestigt ist. Diese wird gerade gefällt und soll in die richtige Richtung fallen

Hinter den Thujen entdecken wir wieder ein neues Stückchen des Grundstücks. Nach und nach kommen einige Apfelbäume zum Vorschein, die es geschafft haben, im Schatten der anderen Bäume zu überleben. Diese wollen wir in den nächsten Tagen beschneiden. Damit das ohne allzu nasse Füße geht, schneidet Stephan die Fläche darunter frei.

Stephan mäht mit dem Freischneider

Da unser Küchenchef heute am Feiertag gerne einmal frei haben möchte, übernehmen Petra und Nils die Küche und zaubern uns ein leckeres Mittagessen, das wir endlich mal wieder ohne Regen am Tisch essen können.

Wir sitzen zusammen beim Mittagessen um die gedeckte Tafel

Nach dem Mittagessen weiht Marvin, der gestern Abend doch noch für die Nacht bei uns geblieben ist und auch den Vormittag mit uns gearbeitet hat, unser neues Gästebuch ein. Das Buch hat Anne selbst gebunden und es ist wirklich toll geworden. Wir freuen uns, darin viele schöne Erinnerungen sammeln zu können. Falls ihr also mal in der Gegend seid …

Das Gästebuch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Es ist bereit, mit Einträgen gefüllt zu werden

Am Nachmittag fahren wir anlässlich des Jahrestages der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands zu einer Veranstaltung im nahe gelegenen Uhtna, die einige von uns auch letztes Jahr schon besucht haben. Neben kleinen Wortbeiträgen gibt es Tanzvorführungen und es werden gemeinsam Lieder gesungen. Eine Klassenkameradin von Krista tanzt mit und wir werden gefragt, ob wir ein Bild mit den Tänzerinnen machen wollen, denn wir wurden sofort als “die Deutschen” erkannt. Kurz vor Ende der Veranstaltung beginnt es zu regnen, doch die Est*innen sind deutlich besser vorbereitet als wir und alle werfen sich schnell ihre Ponchos über oder packen ihre Schirme aus. Ohne Unterbrechung geht es mit dem Programm weiter.

Ein Gruppenfoto von uns mit einer Tanzgruppe, die an der Vorführung teilgenommen hat

Nach der Veranstaltung wollen wir gerne noch auf einer estnischen Dorfschaukel schaukeln. Von dieser Art Schaukel haben wir euch hier im Blog vor zwei Jahren schon einmal berichtet. Das sind große quadratische Schaukeln, auf denen bis zu 10 Menschen zusammen schaukeln können, manchmal sogar mehr. Daher fahren wir mit Krista zum Gutshof Põlula, denn dort gab es zumindest mal eine solche Schaukel. Für uns ist der Besuch in jedem Fall spannend, denn Rihula hat mal zu diesem Gut gehört. Das Gebäude wurde nach der Zeit der Baltendeutschen lange als Schule genutzt und auch Krista ist hier zur Schule gegangen. Heute ist das Grundstück privat. Wir wagen trotzdem einen Blick hinter den Zaun und stellen leider fest, dass es die Schaukel nicht mehr gibt. Stattdessen bestaunen wir den hohen Schornstein der ehemaligen Schnapsbrennerei.

Zurück in Rihula leistet Krista uns noch den Nachmittag über Gesellschaft, nachdem sie bei Marju zwei Tabletts voller Sprottenbrote abgeholt hat. Diese werden traditionell an den beiden estnischen Nationalfeiertagen gegessen. Die Sprotten werden dafür salzig eingelegt und nicht, wie bei uns üblich, in Öl.

Nahaufnahme der typischen dunklen Roggenbrote belegt mit Sprotten und Ei. DIese isst man an den estnischen Nationalfeiertagen

Der Donnerstag beginnt etwas chaotisch. Statt unserer üblichen Morgenrunde verstreuen sich alle, denn Klaas, Anna und Jolie, die das Auto zurückfahren, wollen zeitig aufbrechen. Davor müssen noch letzte Sachen gepackt und die Ladung gesichert werden. Auch Sören und Nils brechen auf und fahren die ersten Meter im Auto mit, bevor sie weiter Richtung Tallinn reisen. Wir verabschieden uns von den Fünfen und bleiben als nun deutlich kleinere Gruppe zurück.

Das heißt aber nicht, dass nun nichts mehr vorangeht. Petra beispielsweise macht sich trotz Abschiedsschmerz mit Astschere und -säge an den diversen Apfelbäumen auf unserem Hof zu schaffen, die schon lange nicht mehr geschnitten wurden und dementsprechend wuschelig sind. Durch die Thujenfällung haben wir mehr Apfelbäume freigelegt, als in diesem Jahr realistisch zu stutzen sind, aber dennoch sind die ersten nun wieder in Form und wir freuen uns auf eine hoffentlich reiche Apfelernte im kommenden Jahr, wo wir doch dieses Jahr etwas enttäuscht sind von der Ausbeute.

Petra steht mit dem Rücken zur Kamera. Sie betrachtet einen der Apfelbäume, die sie geschnitten hat

Auf der Fensterdauerbaustelle geht es ebenfalls voran, auf der mittlerweile in wechselnder Besetzung schon viele von uns ein Praktikum bei Anna in der Fensterrestaurierung gemacht haben. Der Stapel der vorläufig fertigen Fenster wächst jedenfalls unaufhörlich in die Höhe. Da der Fensterkitt allerdings mehrere Wochen trocknen muss, bis er überstrichen werden kann, werden wir die gekitteten Fenster bis zur nächsten Bauhütte einlagern müssen, um ihnen nächstes Jahr den finalen Anstrich zu geben.

Ein Stapel fertig gekitteter Fenster liegt zum Trocknen aus
Anna, Anne und Basti schleifen einen Fensterrahmen

Am Donnerstagnachmittag dann steht noch ein Ausflug auf dem Plan, den Krista für uns organisiert hat. Acht von uns machen sich auf den Weg in Richtung der Quelle, von der wir immer unser Trinkwasser holen. Dort sind wir verabredet mit dem Leiter der nahegelegenen Fischaufzuchtstation von Põlula, der uns zunächst einmal erklärt, dass wir an einer der ergiebigsten Quellen Estlands stehen, die etwa 440 Liter Wasser pro Sekunde zutage fördert. Irre! Weiter geht es zur Aufzuchtstation, die der estnischen Forstbehörde nachgeordnet ist und rein dem Naturschutz dient. Hier wird also keine kommerzielle Fischzucht betrieben, sondern es werden Jungfische zur Unterstützung von lokalen Fischpopulationen aufgezogen und ausgewildert. Die Programme umfassen derzeit hauptsächlich Lachse, Forellen, Störe sowie Flussperlmuscheln, die hier teils über mehrere Jahre in möglichst naturähnlichen Bedingungen heranwachsen, bis sie schließlich ausgewildert werden. Die Aufzucht findet dabei sowohl drinnen in mehreren großen Hallen mit Fischbecken statt als auch draußen in Fischteichen, die wiederum von Quellwasser gespeist werden. Herzlichen Dank an dieser Stelle für die tolle Führung, wir haben viel gelernt!

Wir stehen auf Pontons in einem der Fischteiche. Dort wird etwas zu den Fischen erklärt, die in den Netzen um uns herum sind
Blick in ein Becken voller junger Störe. Diese sind noch sehr klein

Am Freitag werden wir mal wieder vom Regen geweckt und es dauert einen Moment länger als sonst, bis sich alle zum Frühstück eingefunden haben und der Tag so richtig beginnen kann. Mit stärker werdendem Sonnenschein steigt dann auch die Motivation und wir stürzen uns auf die Baustellen, wohl wissend, dass voraussichtlich ab Mittag wieder Regenschauer die Arbeit erschweren werden. Tobias, Jonas und Stephan stellen das Grundgerüst des Klohauses und beginnen, außen die Verbretterung anzubringen. Dem mitgelieferten geraden Lüftungsrohr spendieren sie noch zwei 90-Grad-Winkelstücke, sodass die Abluft seitlich nach außen abgeführt werden kann und das Dach nicht durchbrochen werden muss. Langsam lässt sich erahnen, dass das Ding nicht nur funktional sein wird, sondern sich auch optisch gut in unser Hofensemble einfügt.

Blick von vorne auf den Rohbau des Klohäuschens

Durch die vielen Regenschauer wird unsere Wäsche draußen immer wieder nass. Daher ist es Zeit für eine überdachte Wäscheleine. Letztes Jahr hatten wir Leinen in der Scheune gespannt. Hier ist aber momentan bei Regen der Arbeitsplatz für den Klobau und die Fensterbaustelle. Also haben wir beschlossen, dass die Leinen in den Raum mit dem Kellerloch im Haupthaus gespannt werden sollen. Das hat uns wiederum eine andere Baustelle in Erinnerung gerufen. Wir wollten eine Abdeckung für das Kellerloch bauen. Gesagt, getan. Basti nimmt sich der Aufgabe an und baut im Laufe des Tages eine perfekt passende Luke für das Kellerloch. Das Aufhängen der Leinen ist dann nur noch eine Kleinigkeit.

Basti baut die Luke ein, die das Kellerloch im Haupthaus verschließen soll

Unterdessen nehmen sich Petra und Anna etwas Zeit, um über mögliche Nutzungen des Stallgebäudes und des Außengeländes zu sinnieren. Es ist spannend, sich vorzustellen, was hier alles entstehen könnte und welche Nutzungsmöglichkeiten es gibt. Das wollen wir in den nächsten Tagen nochmal ausführlicher machen.

Trotz des wechselnden, relativ kalten Wetters der letzten Tage gibt es hier immer wieder besonders schöne Momente mit tollen Sonnenuntergängen, Sternschnuppen oder verwunschenem Morgennebel. Vielleicht überrascht uns die Sonne in den nächsten Tagen ja doch noch und falls nicht sind wir gut mit warmer Kleidung, Tee, Decken und Arbeit zum Aufwärmen ausgestattet.

Im dichten Morgennebel stehen drei Personen. Sie werden von der Sonne angestrahlt

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