Estwärts Kohvik

Am Freitag bleiben alle auf dem Hof, lediglich Anna macht sich noch ein Mal auf den Weg nach Rakvere um Angela vom Bahnhof abzuholen. Damit ist die maximale Personenanzahl erreicht. Für einen kurzen Moment sind wir zu fünfzehnt. So können wir in voller Besetzung die Vorbereitungen für das Hofcafé morgen starten. Was für ein Hofcafé, fragt Ihr Euch jetzt vielleicht? In diesem Jahr wird es nicht, wie im letzten Jahr ein Hoffest geben, sondern ein öffentliches Hofcafé. Solche Veranstaltungen sind in Estland typisch. Im ganzen Landkreis laden verschiedene Höfe an einem Samstag zu leckerem Essen oder Kaffe und zum Verweilen ein. Auch wir haben uns da eingereiht und eine kleine Ankündigung geschrieben und sind schon ganz gespannt, wen wir alles erwarten dürfen. Doch zunächst muss dafür noch einiges geschehen.

Bereits am Mittwoch und Donnerstag wurden viele Vorbereitungen angegangen und auch am Freitag geht es weiter. Direkt nach dem Frühstück wird an allen Ecken und Enden des Hofes mit der besucherfreundlichen Gestaltung begonnen. Es werden Banner und Schilder gemalt, die die Besuchenden willkommen heißen sollen, ihnen Programm und Orientierung bieten und nicht zuletzt auch das Essensangebot erklären.

Für Letzteres hat sich ein Großteil der Anwesenden am Tisch unter der Linde zusammengefunden. Hier wird den ganzen Tag fleißig geschnibbelt und zusammengerührt. Bei Kaarel und Katrin können wir den Backofen nutzen, um auch mit einer Auswahl an Kuchen am morgigen Tag überzeugen zu können. Die Handhabung des Backofens stellt sich allerdings als etwas schwierig heraus, so dass die erste Fuhre an Muffins leider leicht angebrannt ist und deshalb bedauernswerterweise schon direkt von uns verspeist werden muss. Selina und Clemens sind unser Backduo und zaubern über den Tag noch viele weitere leckere Muffins, Apfelkuchen, Linzer Torte, Kalten Hund… In der Küche wird genauso dick aufgefahren. Zwiebelsuppe, Gulasch, Gulasch mit Sauerkraut, Kartoffelpuffer, Kartoffelsalat, noch mehr Salat. Das Angebot scheint endlos zu werden. Wir erhoffen uns auf jeden Fall einen regen Besuch, um am Ende nicht alles alleine aufessen zu müssen.

Auch kleinere Arbeiten wie das Ausbuddeln von Steinen im Haupthaus und Vorbereiten von genügend Feuerholz für die nächste Zeit, werden noch durchgeführt. Abends proben wir nach gemeinsamer Erbsensuppe ein paar Lieder, die wir auf dem Hofcafé präsentieren wollen und finden uns danach alle noch in der mobilen Sauna wieder.

Am nächsten Morgen stehen die letzten Vorbereitungen an. Direkt im Anschluss ans Frühstück wird die Liedauswahl für die Aufführung – mit noch etwas krächzenden Stimmen – ein letztes Mal geprobt.

Danach wird das Essen final zubereitet und abgeschmeckt, Schilder werden angebracht und auch die Fotoausstellung in der Scheune will noch aufgehängt werden. Ein weiteres Schwarzzelt wird ebenfalls aufgebaut, um im Zweifel genügend Regenschutz bieten zu können. Denn auf Regen müssen wir uns einstellen. Für den Abend und die Nacht ist sogar Sturm vorhergesagt. Deshalb bauen wir auch alle unsere Schlafzelte ab und planen uns für die kommende Nacht auf die Bühne in der Scheune zu quetschen und im Haus zu schlafen.

Am Vormittag vor dem Café kommen Kaarel und Katrin vorbei. Im Gepäck haben sie weitere Kuchen, sowohl süße als auch herzhafte. Außerdem bringen sie ein weiteres Zelt mit, dass wir an das Küchenzelt anbauen und somit eine Verkaufsfläche schaffen. Unter dieser schmeißt Kaarel auch seinen Grill an, womit sich unser Angebot an Hauptgerichten auf sechs erhöht. Auf einer großen Tafel werden mit Kreide die Gerichte angeschrieben und passende Preise dazu überlegt. Dekoriert wird der Stand mit einem Banner „estwärts kohvik“, den Gudrun und Roos liebevoll gestaltet haben, sowie mit den selbstgemachten Postkarten von Steffi, die natürlich auch zum Verkauf stehen. Als dann noch alle Tische leergeräumt sind und mit Tischdecken, denen man ihre Vergangenheit als Bettwäsche nicht mehr ansieht, bedeckt werden, fehlen nur noch die Blumen. Doch auch dafür sei gesorgt. In der Sauna hat Katrin uns bereits vor ein paar Tagen welche bereitgestellt. Nun werden sie noch hübsch arrangiert und verteilt.

Mächtig zufrieden blicken wir uns auf dem Hof um „So schön machen wir es für uns selbst nie“. Die Gäste können kommen. Pünktlich um kurz nach 12 Uhr trudeln auch schon die ersten Esten ein. Von nun an herrscht ein reges Treiben auf dem Hof. Viele kommen vorbei, nur um sich etwas zu Essen und einen Kaffee zu holen – Am Essenzelt werden viele Teller über den Tisch gereicht und auch so manches Wort Estnisch oder Deutsch gelernt. Andere wiederum nutzen die Chance um endlich ein Mal zu erfahren, was denn hier eigentlich vor sich geht. Ganz unbemerkt ist unser Tun und Machen in den letzten Jahren natürlich nicht geblieben. So stoßen auch die Hofführungen von Hagen, auf englisch und deutsch, und besonders die von Anna, auf estnisch, auf reges Interesse. Natürlich sehen wir auch etliche bekannte Gesichter, die mit uns ihre Erinnerungen an den Hof teilen.

Der Hof füllt sich und auf unserem Parkplatz befinden sich die meiste Zeit 10 oder mehr Autos. In der Jurte finden sich vor allem die Kinder beim Stockbrot wieder. Aber auch einige Erwachsene finden Freude daran. Später am Nachmittag versammelt sich ein Großteil der Anwesenden in der Scheune, wo wir ein finnisches, ein deutsches und ein estnisches Lied zum Besten geben. Anschließend klingt der Nachmittag langsam aus und nun setzt auch der erste Regen ein. Die letzten Gäste sind ausschließlich Bekannte und wir verkrümeln uns bei immer stärker werdendem Regen und Wind in die Jurte und ins Essenszelt und verspeisen den ersten Teil der Reste. Danach finden sich Hans und Petra noch motiviert dabei im Regen das Geschirr am Fluss zu spülen und scheuen den Kontakt mit dem Wasser auf keinste Weise. Als wir später den Abend in der mobilen Sauna ausklingen lassen, hat es endlich aufgehört zu regnen. Nur noch riesige Pfützen zeugen von dem Wolkenguss. Der Sturm ist glücklicherweise auch nicht so stark wie angekündigt. Dennoch breiten wir unsere Isomatten auf der Bühne und den Tischen in der Scheune aus. Sogar in einem Zimmer des Haupthauses findet sich in dieser Nacht ein Indoorzelt wieder, damit wir am Ende alle trocken bleiben. Da Lukas, Hagen und Lola noch am Abend die Heimreise angetreten sind findet sich genügend Platz und niemand muss die Nacht auf dem Boden verbringen. Vorm zu Bett gehen sind wir uns alle einig: Das war ein sehr gelungener Tag. Ein großes Dankeschön an Kaarel und Katrin für die Unterstützung und das gemeinsame Austragen des Hofcafés.

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