Im Nähstübchen
Es ist Anfang der Woche, und die Aufbaugruppe baut weiter auf: Kaarel bringt uns ein schickes, weißes Zelt vorbei, das unser Küchenzelt werden soll. Direkt daneben wollen wir auch unsere Jurte aufstellen. Parallel wird wie üblich stundenlang weiter gemäht. Es ist schon beachtlich, wie sehr diese garstigen Gräser und Gestrüppe in nur einem Jahr wachsen können!
Nachricht Hagen an Lola, Dienstag 8:50: “Wenn alles klappt sind wir um 5 da”
Eine Anreisegruppe kündigt sich an, also wird noch einmal Verpflegung in Rakvere eingekauft. Einmal da, klappern Lukas, David, Steffi und Lola gleich noch ein paar Baumärkte und Second-Hand-Geschäfte ab und krönen den kleinen Ausflug in die Stadt mit einem kleinen Cafebesuch, wo Kuchen und Pommes mit einem äußerst schmackhaften Dilldip feilgeboten werden. Bezahlt wird – ungewöhnlich – alles nach Gewicht. So ein Konzept kannten wir auch noch nicht!
Nachricht Hagen an Lola, Dienstag 14:30: “Wir kommen pünktlich!”
Und so kommt am Dienstag um eins vor 5 in Rihula ein weiteres Auto zum Stehen, aus dem drei weitere müde Anreisegäste aussteigen. Elise, Schnubb und Hagen sind über Nacht aus Berlin angereist. Elise und Schnubb sind zum ersten Mal dabei, sind aber schon bei der Anreise entlang der lettisch-estnischen Ostseeküste, über fragwürdige Landstraßen und durch estnische Wälder, gehörig ins Schwärmen gekommen.
Und so wird also weiter fleißig ausgepackt und aufgebaut: Solaranlage, Toilette und Werkzeugraum, aber damit wollen wir Euch nicht weiter langweilen, das kennt der geneigte Leser alles schon aus dem letzten Jahr. Zum Abendbrot gibt es ein reichhaltiges Gericht mit Kartoffeln, Paprika und Sauerkraut mit unerwarteter Schweineschmalz-Infusion.
Für das Großprojekt der Woche haben wir uns ein neues Werkzeug angeschafft: Eine Nähmaschine! Über die kommenden Tage werden hier Lola und Lukas stundenlang über dem Tisch in der Scheune hängen und zwei Jurtenhalbdächer – jeweils mehrere Meter im Durchmesser – durch die Scheune rotieren. Dabei wird nicht nur der Nähmaschinentisch, sondern auch die Schneunenbühne hinter dem Nähtisch großzügig mit einbezogen.
Das Nähen erweist sich nicht nur wegen der mehrlagigen, dicken Baumwollplanen als tückisch, die natürlich immer gerade an den Ecken gerissen sind, also dort wo es geometrisch besonders unangenehm wird. Auch die Nähmaschine selbst, die nicht mehr die neueste ist, wird zur Baustelle, und so werden Themen wie Oberfadenspannung und Nähmaschinenöl zu heiß diskutierten Kontroversen am Mittagstisch. Schlussendlich lassen sich aber auch diese Probleme lösen, und wir stellen uns im Geiste gegenseitig Diplome der Nähmaschinenwartung und Zeltreparatur aus. Ein Highlight ist es jedes mal, wenn wieder eine Zeltecke fertig genäht ist, und Lukas draußen feierlich eine frische Messingöse einschlagen darf.
Elise und Schnubb arbeiten derweil draußen am Feinschliff: Kleinere Löcher im Zeltstoff werden angezeichnet und mit Nadel, Faden und Holzleim meist sofort ausgebessert und abgedichtet. Auch die künstlerische Betätigung kommt nicht zu kurz: Unser Vereinslogo erscheint auf einer Seitenplane, und zum großen Abschluss wird noch ein Sternenhimmel von innen auf die schwarze Zeltdecke gemalt. Nun steht die alte Jurte wieder und wird uns sicher noch ein paar Jahre Unterschlupf und Schutz vor Regen bieten.
Doch auch die Pausen kommen in diesem Jahr nicht zu kurz: Manchmal verschwindet der ein oder andere Teilnehmer für ein paar Stunden und verpuppt sich bei bestem Wetter in einer bequemen Hängematte.
Neben all dem wollen wir aber nicht vergessen, weshalb wir eigentlich hier sind: Wir wollen ja das Land kennen lernen! Am nächsten Tag sind wir nach dem Frühstück an unserer altbekannten Quelle verabredet, wo wir Kunnar Klaas von der Forstbehörde RMK treffen. Er leitet die lokale Fischaufzuchtstation in Põlula, die einige von uns bereits letztes Jahr besucht hatten. Zunächst bekommen wir kleine Fläschchen mit einem Bild der Quelle, und sind eingeladen, etwas vom Quellwasser mit nach Hause zu nehmen, das sich wegen seiner hervorragenden Wasserqualität und seiner Keimfreiheit sehr gut für die Fischaufzucht eignet.
Von Kunnar lernen wir viel über Lachse, Störe, Weißfische und Muscheln, die hier gezüchtet und ausgewildert werden. Dabei achtet das Team darauf, die Bedingungen der Beleuchtung und der Wassertemperatur möglichst an die realen Umgebungsbedingungen anzupassen, in denen die Fische später überleben sollen. Die Infrastruktur hier ist beachtlich. Großzügig dimensionierte Wärmepumpen heizen das eisig kalte Quellwasser auf, auf dem Gelände sind dafür fast 100 kWp Solarleistung und zwei Batteriespeichertürmchen installiert, um dabei Strom zu sparen und das Netz zu entlasten.
Nachdem wir unsere Schuhe desinfiziert haben, werden wir in eine Halle geführt, in der Lachse in den verschiedenen Phasen ihres Lebenszyklus in vielen runden Becken gehalten werden, die kontinuierlich mit frischen Wasser versorgt werden. In einem Becken leben bis zu 4000 Jungfische! Einige Fische werden vor dem Auswildern markiert und gechipt. So können Forscher Ihre Routen überwachen. Fischer können ihre Fänge, wenn sie einen Chip finden, der Behörde mit den wichtigsten Eckdaten melden: Fangort, Gewicht, Alter usw. Bei einigen Arten stammen bis zu 40% der gefangenen Fische ursprünglich aus der Fischfarm hier in unserer Nachbarschaft. Kunnar ist sichtlich stolz auf diesen Beitrag!
Eine unerwartete Verbindung nach Deutschland zeigt sich hier auch: Die Störjungen, die hier großgezogen werden, stammen aus der Nähe von Rostock und werden noch in einem frühen Lebensstadium mit einem speziellen Fahrzeug regelmäßig nach Estland verbracht. Störe heißen im übrigen so, weil sie mehrere Meter lang und mehrere hundert Kilo schwer werden können. “Stor” heißt im Skandinavischen und Althochdeutschen schlicht “groß”.
Draußen im Freibecken schwimmen noch kleinere Exemplare in einem Käfig, die wir uns gemeinsam anschauen. Sie sehen ein bisschen aus wie etwas stachelige kleine Haie. Zum Abschluss bekommt Kunnar von uns ein Handtuch mit Vereinslogo und einem von Steffi gestickten Stör. “Das ist ein baltischer Stör, sehr gut!” stellt Kunnar zufrieden fest. Wir haben heute viel gelernt und setzen uns abends noch in die mobile Sauna, die wir uns heute an den nach wie vor eisigen Kundafluss bestellt haben. Hier lassen wir dampfend den Abend ausklingen. Bis bald!
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