Herrenhaus-Hopping
Notiz: Der Inhalt dieses Blog-Artikels handelt von Montag, dem 17. August. Durch die Café-Planung sind wir leider etwas aus dem chronologischen Blog-Takt geraten und kommen erst jetzt dazu, unsere Herrenhaus-Tour zu verschriftlichen. Wir werden den Artikel später zurückdatieren, um die chronologische Reihenfolge der Artikel wiederherzustellen.
“Herrenhaus-Hopping im Baltikum” – “Eine Reise in das Baltikum ist gleichzeitig wie eine Reise in die Zeit des deutschbaltischen Adels”. So titelt ein “Food, Reise & Lifestyle Blog”, der sich unter anderem dem Baltikum widmet. Die deutschbaltischen Familien errichteten ab dem 12. Jahrjundert große, teils prunkvolle Herrenhäuser (auf Estnisch „mõis“ genannt) inklusive vieler Neben- und Wirtschaftsgebäude. Viele dieser Herrenhäuser stehen heute leer, einige sind in öffentlicher Hand und werden z.B. als Schulen genutzt, andere sind im Privatbesitz. Neben der Nutzung als private Wohnhäuser gibt es auch eine beträchtliche Anzahl von Herrenhäusern, die als Hotels oder Veranstaltungsorte betrieben werden. “Recht erschwinglich” seien diese abgeschiedenen, herrschaftlichen Landhotels, das glaubt man der Autorin gern.
Der Forsthof Rihula (über den wir hier normalerweise berichten) war einmal eine Außenstelle eines Herrenhauses, die zwar wirtschaftlich zu dem Hofgut gehörte, jedoch nicht die repräsentative Funktion eines Herrenhauses hatte. Bei uns geht es normalerweise also nicht ganz so herrschaftlich zu. Dennoch erwartet uns am Montag ein kleiner Einblick in die baltisch-deutsche Architektur von damals und ihre Nutzung und Sanierung heute. Wir machen uns auf zum Herrenhaus-Hopping, unserem diesjährigen Denkmalpflege-Seminar!
Noch etwas geschafft vom gestrigen Tag in Narva-Jõesuu schwingen wir uns wieder in die Autos und machen uns zunächst auf zu Heli. Der aufmerksame Leser erinnert sich, Heli, das ist die Gastmutter von Anna und ehemalige Denkmalschutzbeauftragte ihres Landkreises. Sie war unter Anderem schon vor 2 Jahren in einem Blogartikel aufgetaucht, als sie uns besucht und uns unter Anderem zur Restaurierung der Fenster beraten hatte. Heute sind wir es die zu Besuch kommen.
Helis Hof ist schon von Weitem zu sehen. Der Schotterweg ist lang und schnurgerade. Dieses Mal handelt es sich allerdings nicht um eine barock anmutende Sichtachse, wie gestern in der Altstadt Sillamäes, sondern vermutlich um ein Resultat der hier ehemals betriebenen Agrarpolitik: Die Felder rechts und links von uns sind riesig. Angekommen bei Heli gibt es ein nettes, zweites Frühstück aus Apfelkuchen, Tee und Kaffee. Heli erzählt zunächst von ihrem eigenen Haus. Viele Landhäuser in Estland sind von der Architektur der baltendeutschen Herrenhäuser und ihrer Nebengebäude inspiriert und man findet bestimmte Elemente der baltendeutschen Architektur in ihnen wieder. Dieser Stil wird als „urbaltisch“ oder „altbaltisch“ bezeichnet. Ein typisches Merkmal dieser Häuser ist das hohe Walmdach oder Kurzwalmdach. Ein weiteres interessantes Detail ist die Raumaufteilung, in der offene Türen einen Rundlauf um den zentralen, großen Holzofen ermöglichen. “Früher hatten die Leute viele Kinder, die hier den ganzen Tag im Kreis liefen und für eine gute Ventilation sorgten”, sagt Heli mit einem Augenzwinkern. Ob wir ihr das glauben sollen, wissen wir nicht ganz. Heli erklärt weiter, auf einem abgeschiedenen Hof zu leben, sei in Estland nicht ungewöhnlich. Wenn man aus dem Fenster das nächste Wohnhaus sehen könne, sei das für viele schon zu nah. Bei der geringen Bevölkerungsdichte ist das offenbar möglich – wir erinnern uns an 1,4 Mio. Einwohner, von denen ein Drittel allein in Tallinn wohnt, und das auf einer Fläche, die ungefähr Niedersachsen entspricht. Unsere Gastgeberin erzählt ein wenig vom Winter: Mehrere Schüttmeter Holz werden hier jedes Jahr verfeuert, und den langen Zufahrtsweg jeden Tag zu räumen verlangt den kommunalen Eisbrechern auf Rädern so einiges ab.
Nun möchte uns Heli aber ein wenig von ihrer Arbeit als Innenarchitektin im Denkmalschutz zeigen und wir hoppen zu unserem ersten Herrenhaus: Das Purdi mõis im Kreis Järva. Hier ist sie seit vielen Jahren an der Restaurierung beteiligt und unser Barock-Barometer schlägt aus! Heli breitet eine Karte aus über Gebäude und Ensembles die das Purdi mõis inspiriert haben sollen. Versailles ist hier zu sehen, aber auch Schloss Sanssouci, eine unerwartete Verbindung zu Hagens Studienstadt Potsdam! Das Haupthaus, symmetrisch mit zinkgedeckter Mansarde, reiht sich hier stilistisch ein, wenn auch eine Spur kleiner.
Was nun folgt, haut uns alle ein bisschen vom Hocker. Wir durchschreiten Raum nach Raum, überall sind besondere Tapeten zu bestaunen, hier ein ausgefeilter Parkettboden, dort verschiedene Malereien, mal Stuck, mal Deckenfresken, mal elegante Polstermöbel. Vieles, insbesondere die Möbel, sind hier nicht ursprünglich aus dem Herrenhaus. Heli erzählt, dass sie bei der Renovierung von Herrenhäusern gern in der Gegend fragen, wer originale Möbel aus den Häusern besitzt und diese abgeben würde. Viele hätten solche Möbel noch zuhause, wären aber oft zögerlich, sie zu verkaufen. Im Fall von Purdi konnten keine Originale gefunden werden. Ein Raum sticht ein wenig heraus: Dieser Raum war nach der Enteigung der Baltendeutschen eine Turnhalle. Die charakteristischen Turnhallendielen kommen uns aus Grundschulzeiten bekannt vor, sogar eine Verankerung – vielleicht für ein Fußballtor? – ist noch da. Das Haus hatte im Laufe der Zeit verschiedene Nutzungskonzepte, war auch mal eine Schule. “Was passiert hier eigentlich jetzt?” fragen wir uns. Eine Privatperson mit Begeisterung für historische Gebäude hat das Anwesen gekauft um es instand setzen zu lassen. Seit 12 Jahren wird hier gebaut. Jetzt kann man das Herrenhaus für Übernachtungen oder Hochzeiten mieten.
Immer wenn wir denken, dass wir jetzt doch alles gesehen haben müssen, folgt noch eine Überraschung. Wir steigen hinunter in den Keller, dann wieder etwas hinauf, und plötzlich riecht es nach Schwimmbad. Und tatsächlich: Eins der verbundenen Nebengebäude wurde mit einer einliegenden Halle versehen und zum Wellnessbereich ausgebaut. Das historische Gebäude dient nur als Hülle. Wir trauen unseren Augen nicht, als in der Ecke auch noch ein Whirlpool vor sich hin blubbert. Warm! Die Zeiten des deutschbaltischen Adels mögen vorbei sein, hier geht es aber nach wie vor luxuriös zu. Den Mietpreis für eine Wochenende trauen wir uns nicht zu erfragen.
Etwas einfacher ist ein anderes Nebengebäude ausgestattet: Auch dieses kann gemietet werden und es wird lokalen Vereinen für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. Es gibt einen großen Saal mit Bühne, der für ein Fachwerkhaus eine erstaunlich große Spannweite hat. Herumstehende Säulen oder Ständer gibt es hier nicht. Viel spannender als der Saal ist folglich das Dachgeschoss, in dem sich der tragende Trick offenbart. Eine Balkenkonstruktion, die lose an eine amerikanische Fachwerkbrücke erinnert, hält die Decke oben.
Zum Abschluss dieser Etappe gibt es natürlich ein obligatorisches Gruppenfoto. Fotografen rufen im Estnischen übrigens “Linnusiiiiiiiiitt” – “Vogelscheiße!”. Es funktioniert hervorragend, wie man sieht:
Station Nummer zwei auf unserer Tour ist Esna mõis, ebenfalls im Kreis Järva, gegründet vom schwedischen Major General Alexander von Essen. Hier ist der Stil ein wenig anders: Esna mõis ist nicht aus Stein sondern aus Holz erbaut und mit aufwendigen Schnitzverzierungen versehen. Besonders die Holzschindeln, mit denen das Dach gedeckt ist, machen Eindruck. So würden wir unser Dach auch gern decken, der Wartungsaufwand ist jedoch enorm.
Bevor wir uns dem Haupthaus widmen, machen wir aber einen kleinen Spaziergang. Über das Grundstück führt ein estnischer Pilgerweg, dem wir ein kleines Stückchen folgen. Um ein kleines, hübsches Flüsschen herum spaziert, stehen wir plötzlich vor einer kleinen Kapelle mitten im Wald: Das Familiengrab der Grünewaldts. Früher muss es mal eine Art Fensterrose gegeben haben, die laut Heli jedoch irgendwann aus dem Haus entfernt und verkauft wurde.
Anschließend erhalten wir noch die Möglichkeit, uns das Esna mõis von innen anzuschauen. Dieses Haus ist ebenfalls in Privatbesitz und wird für Veranstaltungen/Kurse/Theateraufführungen u.ä. genutzt. Der Stil ist einfach gehalten, vieles ist nur konserviert, nicht restauriert, und im ausgebauten Dachgeschoss findet sich ein gemütlicher Veranstaltungsraum. Diese Besichtigung bleibt recht kurz, es ist nämlich spät und wir haben heute schon eine Menge gelernt. Den Tagesabschluss bildet ein Festmahl bei Heli: Kartoffeln in Pfifferlingsoße, Melonensalat, und Zucchiniquiche – Heli hat nämlich einige gigantische Zucchini geerntet – heute wird jeder satt. Zur Vor- und Nachspeise gibt es Rhabarberkuchen und estnische Roggenchips mit Käse-Knoblauch-Dipp. Mit dicken Bäuchen beschauen wir noch die Katzenbabys des Hofes und heizen schließlich Helis Sauna an. Wir freuen uns, mal wieder ordentlich warm und sauber zu werden. Ein Teil der Gruppe wird noch über Nacht bleiben, während der Rest mit dem Auto wieder nach Rihula fährt und ohne weitere Umschweife ins Bett fällt. Gute Nacht!
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